Dienstag, 5. September 2017

Interview mit Marc Hiller von dp DIGITAL PUBLISHERS Verlag

Marc Hiller ist Geschäftsführender Gesellschafter des 2014 gegründeten Verlags dp DIGITAL PUBLISHERS. Der Verlag widmet sich einerseits den sogenannten Booksnacks, den knackigen Kurzgeschichten für unterwegs und zuhause. Andererseits umfasst das Programm auch Romane aus den Genres Liebesroman, Frauenliteratur, Chick-Lit, Thiller und Krimi.

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Romance Alliance: Sehr geehrter Herr Hiller, erzählen Sie uns doch bitte ein wenig von sich und Ihrem Verlag.
Marc Hiller: Warum so förmlich? Lassen Sie uns gerne zum Du übergehen. Wir sind ja eine überschaubare Branche und das förmliche darf gerne in den Verträgen bleiben. Ich bin Marc.
Romance Alliance: Ok, Betty – freut mich.


Romance Alliance: Was war der konkrete Auslöser für deinen Wunsch, einen eigenen Verlag zu gründen?
Marc Hiller: Nach mehr als 20, zumeist schönen Jahren, als Angestellter von Medienhäusern und Verlagen zum einen der Wunsch etwas „Eigenes“ zu schaffen, das bleibt. Zum anderen der Wunsch, die schöne Welt des Verlages mit all seinen liebvollen Details fürs Produkt - inhaltlich und in optischer Form - mit der neuen digitalen Welt zu kombinieren. Und damit meine ich richtig und nicht nur als Lippenbekenntnis.

Romance Alliance: Wie sah der Weg von der Idee bis zur Verlagsgründung aus? Wie groß ist der rechtliche Aufwand, einen Verlag zu gründen? Was muss man beachten? Welchen Schwierigkeiten hast du dich gegenüber gesehen?
Marc Hiller: Am Anfang steht, wie bei jedem Business Plan, die Analyse und Recherche. Die ist mühselig und kostet natürlich auch viel Überwindung. Du musst Menschen anrufen, die dich nicht kennen, dir nicht vertrauen und du musst sie für dich gewinnen. Ich habe Selfpublisher(innen) interviewt, ich habe mit Verlagsautoren gesprochen, Lektorinnen gelöchert und Literaturagenten mit Fragen genervt.
Der steinigste Weg ist allerdings die Finanzierung. Da stehst du nun mit all deinen Daten über Autoren, Werke, Tantiemen, Cashflow, Deckungsbeitrag, Produktionskosten, Absatzzahlen, Zeiträume, technische Investitionen und Entwicklungen ... und keinen interessiert es. Zumindest kommt es einem so vor. Da geht es einem eigentlich wie einem Autor, der seine 362 Seiten mühevoll, mit so viel Liebe entwickelt und geschrieben hat und keiner der Verlage antwortet auf die Anfrage.
Wenn man heute zu einer Bank geht, einen Privatinvestor oder Venture Fonds mit der Idee eines puren Digitalverlags anspricht, denken die „Der spinnt doch!“ - keine technische Skalierung, nur inhaltliche Werte – wie kann man das bewerten? „Also Herr Hiller, meine Frau liest nur Gedrucktes und ich gar nix. Also wenn Sie eine KFZ-Werkstatt gründen wollten, dann hätten wir wenigstens Geräte, die wir bewerten können. Aber so ...“
Wenn man die Hürde der Finanzierung genommen hat, geht es an die netten, aber harten Gatekeeper der Inhalte: Autoren(Innen) und Agenten(Innen). Ich hatte Glück – mir haben schon am Anfang eine Handvoll Autoren und zwei, drei Literaturagenturen ihr Vertrauen geschenkt. Vor allem unser Fokus auf Digital und die reine Wahrheit waren eine Diskussionsrunde Extra. Wir haben und werden unseren Partnern nie etwas vormachen: Bücher drucken beispielsweise, ist nicht die Grundlage des Erfolgs. Der Vertrieb des Buches ist die Kunst. Wer im Print-on-Demand Verfahren Taschenbücher publiziert, wird niemals eine ernstzunehmende Präsenz im stationären Handel schaffen. Daher sagen wir ganz klar: Taschenbücher – gerne, aber nur als Marketinginstrument für das E-Book.
Stattdessen suchen wir Verlage, die eine klare Vertriebskompetenz für das definierte Genre haben und empfehlen Werke, von denen wir ausgehen, dass sich das Werk auch im Handel verkaufen wird. Hier stehen wir aber noch in den Anfängen.
Rechtlich ist alles relativ einfach. Man braucht zwar eine Rechtsberatung, um alles ordentlich und auch aus gesellschaftsrechtlicher Sicht richtig aufzusetzen. Aber am Ende gibt es dafür Profis und die haben wir in unserem Netzwerk.

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Romance Alliance: Welche Ziele hattest du für die ersten Jahre nach der Verlagsgründung? Hast du sie alle erreicht?
Marc Hiller: Aus heutiger Sicht war das Ziel ... „putzig“. Ich habe mir für 2014 vorgenommen, 10 Werke zu veröffentlichen. Nur dann würde ich meinen Job quittieren und den Verlag (zur Not auch aus 100% eigenen Mitteln) auf die Beine stellen. Und ja, diese 10 Titel waren die Grundlage für unseren Digitalverlag mit derzeit mehr als 200 Titeln und über 50 Autorinnen und Autoren im Programm.

Romance Alliance: Was sind deine Pläne für die Zukunft? Wird sich das Programm noch ausweiten?
Marc Hiller: Wir haben eine im Team entwickelte Leitlinie, nach der wir unsere Entscheidungen treffen: „Wir machen schöne E-Books, die gelesen werden möchten“. Damit ist ein Grundstein für alle weiteren Pläne gelegt. Ganz gleich, ob sich die Pläne auf die wirtschaftliche Ebene, das Programm, die Partner oder das Team beziehen.
Inhaltlich fokussieren wir uns auf Unterhaltungs- und Populärliteratur, wollen dabei aber nicht auf das ein oder andere anspruchsvollere Werk für eine spitzere Zielgruppe verzichten. Wir möchten im gesunden Maße wachsen und verzichten auf einen großflächigen Einkauf von Backlist-Titeln, nur um das Programm aufzublasen und „groß“ wirken zu lassen. Die wirkliche Größe zeigt sich bei Verlagen wie auch bei dem Charakter eines Menschen meist im Inneren.
Meine persönlichen Pläne sind vor allem auf das Team, die Autoren und Geschäftspartner ausgelegt. Ich möchte die Atmosphäre des Miteinanders, der Transparenz und der Fairness bewahren. Auch wenn dies manchmal der steinigere Weg ist, führt er doch zum interessanteren, beständigerem Ziel und entwickelt so ein unumstößliches Wertesystem.

Romance Alliance: Bist du auf der Suche nach neuen Autoren? Was sollen Autoren beachten, wenn sie euch ein Manuskript anbieten wollen? Welche Manuskripte haben Chancen auf Veröffentlichung?
Marc Hiller: Ja, wir sind auf der Suche nach neuen Autoren und Themen. Wichtig ist dabei immer der Aspekt des Unterhaltens: Die Leser müssen Spaß an der Lektüre haben. Jedes Manuskript, das unsere Leitlinie „Wir machen schöne E-Books, die gelesen werden möchten“ erfüllen kann, hat eine Chance auf Veröffentlichung.
Natürlich lehnen wir auch Werke ab. Das liegt aber nicht immer am Manuskript, sondern durchaus auch an uns: Wenn wir uns nicht sicher sind, ob wir dem Anspruch des Werkes gerecht werden können, nehmen wir es nicht an. So haben wir beispielweise vor kurzem ein Werk abgelehnt, weil wir uns unsicher waren, ob wir es schaffen können, die Zielgruppe zu erreichen und aufzubauen. Am Ende hat die Autorin unsere Gedanken aus der Manuskriptprüfung aufgenommen, verarbeitet und das Werk nochmals komplett überarbeitet und so schärfer positioniert. Diese Gesprächsbereitschaft, Offenheit und Flexibilität muss ein elementarer Wesenszug von Autoren sein oder sie müssen ihn entwickeln.

Das Team von dp DIGITAL PUBLISHERS
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Romance Alliance: Wie Bettina Kiraly bestätigen kann, wird bei deinem Verlag großer Wert auf Qualität beim Lektorat und bei der Covergestaltung gelegt. Der enge Kontakt mit den Autoren spielt eine große Rolle während des Veröffentlichungsprozesses. Warum hast du dich für diesen Weg entschieden?
Marc Hiller: Die Eltern kennen ihre (kleinen) Kinder am besten. Sie wissen, wo sie sich wohlfühlen, in welchem Umfeld sie frei von Hemmungen sind und welche Menschen ihnen liegen oder sympathisch sind. Der oder die Autorin ist das Elternteil eines Werkes. Nicht umsonst verwenden viele unserer Autoren die Redewendung „Mein Baby“, wenn sie über ihr Werk sprechen. Ich kann doch nicht einer Mutter oder Vater das eigene Kind entreißen und sagen, ‚ich bringe es wieder, wenn es verheiratet ist und Kinder hat’.
Natürlich heißt das nicht, dass wir alles akzeptieren. Am Ende muss der Verlag eine Entscheidung treffen, da das wirtschaftliche Risiko bei ihm liegt. Dennoch gilt es, Gespräche zu führen, Ziele zu vereinbaren und den Weg dorthin zu erläutern. Eltern hören gerne auf Berater wie Freunde, Lehrer, Erzieher oder ähnliches.
Unabhängig davon sehe ich einen starken Wandel in den nächsten Jahren. Die Verlage müssen sich öffnen und vom Gate-Keeper zum Enabler oder Berater werden.

Romance Alliance: Und was bedeutet das konkret?
Marc Hiller: Naja. Wir haben viele Autorinnen und Autoren, die heute den Weg des Selfpublishing attraktiv finden und ihn ausprobieren wollen oder ausprobiert haben. Diejenigen, die es einmal selbst gemacht haben, stellten fest, wie viel Arbeit damit verbunden ist und das sich am Ende der Fokus vom Inhalt hin zum Vermarkten bewegt. Einher geht die Gefahr, dass man nur noch das schreibt, was die Zielgruppe vermeintlich kaufen möchte. Das geht auf die Qualität und schränkt den Autor genau dahingehend ein, wovon die großen Verlage immer sprechen: Autoren sollten ein Genre bedienen und nicht mehrere.
Warum daher nicht den Verlag nutzen und nur einzelne Teile des Prozesses in Anspruch nehmen? Ob Lektorat, Covergestaltung oder auch nur das Cover-Briefing. Warum nicht das Vertriebs-Know-how nutzen und einen Marketingworkshop mit klaren Empfehlungen in Anspruch nehmen.
Wir nennen das „accompanied Publishing“ und setzen dies mit Autoren um, deren Werke wir kennen, die wir für chancenreich halten, aber selbst nicht machen können. Das „können“ bezieht sich dabei einmal auf „dürfen“, weil der Autor es selbst publizieren möchte oder auf „können“ weil wir uns z.B. nicht zutrauen, die Zielgruppe so zu erreichen, dass es wirtschaftlich abbildbar oder sinnvoll wäre. Aber hier stecken wir noch in den Anfängen und arbeiten konzeptionell mit ausgewählten Autoren(Innen) zusammen, um das Angebot rund zu machen.

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Romance Allinace: Die Werbetrommel rühren – ein guter Text allein reicht nicht, um ein Buch zu verkaufen. Wie macht ihre auf eure Autoren aufmerksam? Was können Autoren tun, um bekannter zu werden und ihr Buch zu bewerben?
Marc Hiller: Hier schweige ich und verrate nur so viel wie nötig und so wenig wie notwendig. Wir arbeiten mit einer Kombination aus Zielgruppenanalysen, Datenbanken und Metadatenoptimierung. Das ergänzen wir mit dem klassischen Instrumenten der Vermarktung, der Vertriebsförderung und letztendlich mit einem guten Netzwerk zu den Distributionskanälen.
Autoren können selbst vorallem eines tun – viel schreiben. „Wer schreibt, bleibt.“ An diesem Sprichwort ist mehr dran als man denkt und am Ende sollte es ergänzt werden um „... und wird sichtbar“. Wer sichtbar wird, wird gefunden, wer gefunden wird, wird eventuell gekauft. Mit unserer Plattform booksnacks.de haben wir eine Plattform ins Leben gerufen, die den Autoren erlaubt kleine, gute Geschichten zu veröffentlichen und so ihr Portfolio auszubauen und bei vielen Lesern schnell sichtbar zu werden.

Romance Alliance: Wie entstand deine Begeisterung für die Buchbranche? Hast du schon einmal überlegt, selbst einen Roman zu schreiben?
Marc Hiller: <Lacht> Nein, ich werde niemals einen Roman schreiben. Meine Kompetenzen liegen definitiv in der Entwicklung und Umsetzung von Visionen.
Auch wenn man es mir als digitale Native und Gründer eines Digitalverlags nur schwer abnimmt – ich liebe Bücher. Genau wie so viele andere, liebe ich den Geruch des Papiers, das Stöbern, das Verweilen in der Buchhandlung und als Verlagskaufmann den Prozess der Buch-Herstellung vom Satz über die Papierauswahl bis zum Druck. Dennoch liegt die Zukunft in der Auftrennung der Disziplinen und Vergabe an die Kompetenzträger. Diese müssen einen Weg der Kooperation finden, um für das Werk (und damit den Autor) die bestmögliche Verbreitung zu schaffen und den maximalen Absatz zu erreichen. 

Vielen Dank für dieses spannende und informative Interview, Marc. Wir wünschen dp DIGITAL PUBLISHERS weiterhin viel Erfolg!

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